70 Jahre
danach

Konferenz
10. - 12. September
Humboldtcarré
Berlin

Historisches Begreifen
und Politisch-Ethische Orientierung
in der Gedenkstättenarbeit
des 21. Jahrhunderts

Die Geschichtskultur in Deutschland hat sich in den vergangenen dreißig Jahren einschneidend verändert. Die Bewahrung des Gedächtnisses an die Opfer des Nationalsozialismus gehört zur Staatsräson der Bundesrepublik. Aus vielen einst vergessenen Konzentrationslagern sind institutionalisierte Gedenkstätten geworden. Mit der 1999 etablierten, 2008 fortgeschriebenen Gedenkstättenkonzeption ist der Bund an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und auch des DDR-Kommunismus beteiligt. Die Geschichte der lange umstrittenen und verzögerten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hat die Aufarbeitung des staatlichen Unrechts der DDR geprägt. Allerdings klaffen der Ausbau der Gedenkstättenlandschaft und die systematische Konzeptualisierung des Lernens aus unannehmbarer Geschichte (Imre Kertész) auseinander.

Ein Problem, auf das eine normative Rhetorik der Erinnerung keine Antwort ist – zumal die allgegenwärtige Rede von der Erinnerung den Begriff ausgehöhlt hat. Im Ergebnis kann mit Erinnerung heute die Entwicklung wissenschaftlich gestützten, reflexiven Geschichtsbewusstseins durch die gegenwartsbezogene Auseinandersetzung mit in menschenrechtlicher Perspektive negativer Vergangenheit gemeint sein – aber auch eine Praxis, die sich zu häufig darauf beschränkt, die Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen politisch und moralisch aufzuladen und sie verpflichtend zu tradieren. Unverkennbar ist der Trend, Geschichte und Geschichtsbewusstsein auf Erinnerung zu reduzieren und Erinnerung als solche für den Königsweg der Demokratie- und Menschenrechtserziehung zu halten.

Im Gegensatz dazu geht die Konferenz davon aus, dass weder das individuelle noch das historische Erinnern in der Gesellschaft als solche automatisch identisch sind mit kritischem, gegenwartsrelevantem Lernen aus unannehmbarer Geschichte. Die Konferenz fragt deshalb zunächst nach den geschichtstheoretischen und (geschichts-)didaktischen Grundproblemen und Aporien solchen Lernens in und außerhalb von Gedenkstätten. Ein Blick zurück nach vorn soll sodann erschließen, was in Bezug auf dessen Konzeptualisierung relevant bleibt von den Konzepten, Zielen und Erfahrungen der wissenschaftlichen, pädagogischen und gesellschaftlichen Aufarbeitung der Vergangenheit in der alten Bundesrepublik.

Umrissen und diskutiert werden darüber hinaus elementare historische, politische und gesellschaftliche Veränderungen
– insbesondere nach 1990 – und deren Wirkungen auf die Geschichtskultur und das Verständnis von Gedenkstätten und ihrer Bildungsarbeit.

Zur Debatte stehen außerdem neue didaktisch-pädagogische Herausforderungen. Wie lassen sich historisches Begreifen und politisch-ethische Orientierung substantiell verknüpfen? Wie lässt sich die Relevanz der Auseinandersetzung jenseits vordergründiger Analogien zukünftig vergangenheits- und gegenwartskonkret begründen? Wie wirken sich Medialisierung, Digitalisierung, Routinisierung und Kommerzialisierung aus? Was kann und soll die Auseinandersetzung mit im Kern deutscher Geschichte in der (Post-)Migrationsgesellschaft leisten? Worin bestehen konkret die Lernziele und Kompetenzgewinne der Auseinandersetzung mit dieser Geschichte jenseits des Topos der Erinnerung? Ziel ist die aufarbeitungsgeschichtlich reflektierte, theoretisch fundierte Diskussion der Voraussetzungen, Herausforderungen und Gestaltungen nachhaltiger und zukunftsfähiger Gedenkstättenarbeit als historisch-kritischer Bildungsarbeit. Darüber hinaus möchte die Konferenz Impulse für eine spezifische, wissenschaftliche Ausbildung von Gedenkstätten-mitarbeiterinnen und -mitarbeitern sowie für die fachlich begründete Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption des Bundes geben. Im Zentrum steht dabei – 70 Jahre danach – die Geschichte des Nationalsozialismus als Gegenstand individuellen und gesellschaftlichen Lernens. Die Berücksichtigung adäquater Bezüge zum kritischen historischen Lernen aus der Geschichte des Kommunismus in der DDR gehört zum Anliegen der Konferenz.

DO | 10. September

13.30 – 14.00

Eintreffen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer


14.00

Begrüßung
Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien

14.20

Einführung in die Konferenz
Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung
Volkhard Knigge, Friedrich-Schiller-Universität Jena

15.00 – 18.30

FORUM I

Chair: Raphael Gross

Bericht: Volkhard Knigge
„Das radikal Böse ist das, was nicht hätte passieren dürfen.“ Geschichtstheoretische und geschichtsdidaktische Grundprobleme des Lernens aus unannehmbarer Geschichte.

Impulse

  1. Lutz Niethammer
    Erinnerung ohne Geschichte – Geschichte ohne Erinnerung?
  2. Daniel Bogner
    Historische Erfahrung und die Begründung von Werten.
  3. Werner Bohleber
    Vom Unbehagen an der Geschichte. Aporien und Widerstände in der Auseinandersetzung mit beängstigender Vergangenheit.
  4. Holger Thünemann
    Unannehmbare Geschichte begreifen. Überlegungen zum historischen Kompetenzerwerb.

Diskussion

Abendessen

20.00

Gespräch: Ivan Ivanji
Warum ich kein Zeitzeuge mehr sein will.
Moderation: Volkhard Knigge und Joachim von Puttkamer

21.00

Eröffnungsempfang

FR | 11. September

9.30 – 12.30

FORUM II

Chair: Martin Sabrow

Bericht: Thomas Sandkühler
,,... begangene Fehler nicht aus Gedankenlosigkeit wiederholen.“
Die selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die Konzeptualisierung historisch-politischer Bildung und Gedenkstättenarbeit in der „alten“ Bundesrepublik. Was bleibt relevant?

Impulse

  1. Dietmar Süß
    Der Beitrag der Geschichtswissenschaft und der Politikwissenschaft.
  2. Falk Pingel
    Der Beitrag der Geschichtsdidaktik und der Didaktik der politischen Bildung.
  3. Micha Brumlik
    Der Beitrag der Erziehungswissenschaften und der Sozialpsychologie.
  4. Annegret Ehmann
    Der Beitrag von Gedenkstätteninitiativen und Zivilgesellschaft.

Diskussion

Mittagspause

13.30 – 18.30

FORUM III

Chair: Helmut König

,,... ein Denkmal zu dem man gerne geht, um sich zu erinnern, um sich auseinander zu setzen.“ Kontextveränderungen und neue Herausforderungen. Geschichtskultur und Gedenkstättenarbeit nach 1990.

Impulse

  1. Norbert Frei
    Nationale Identität und staatliche Erinnerungspolitik in Deutschland nach 1989/ 90.
  2. Andreas Wirsching
    Totalitarismustheorie und europäische Erinnerungspolitik.
  3. Klaus-Dietmar Henke
    Gedächtnisverschiebung? Zum Verhältnis von NS- und Kommunismuserinnerung.
  4. Matthias Proske
    Das moralpädagogische Projekt „Aus der Geschichte lernen“ – Kontexte, Wirkungen, Aporien.

Zwischendiskussion

Kaffeepause

  1. Axel Doßmann
    Geschichte als autobiographische Erzählung? Zeitzeuginnen und Zeitzeugen als magistri vitae.
  2. Jörg Skriebeleit
    Historisierung und Entkontextualisierung. Diktaturgeschichte als moralische Fabel.
  3. Wulf Kansteiner
    Geschäftige Erinnerung. Medialisierung, Digitalisierung, Routinisierung.
  4. Astrid Messerschmidt
    Die Entdeckung des Eigenen im Anderen. Migration, Integration, Diversität und Gedenkstättenarbeit.

Diskussion

Abendessen
Gelegenheit für Austausch und Gespräche bei einem Glas Wein

SA | 12. September

9.30 – 12.30

FORUM IV

Chair: Heidemarie Uhl

Bericht: Martin Lücke
„Wer mitfühlen, mitdenken will, braucht Deutungen des Geschehens. Das Geschehen allein genügt nicht.“ Konzepte historisch-kritischer Bildungsarbeit jenseits der Erinnerung – eine Übersicht.

Podiumsdiskussion:
Präsenz und Virulenz der NS-Vergangenheit. Historisches Wissen und Begreifen in der Gedenkstättenpädagogik – ein Blick zurück nach vorn.
Axel Drecoll, Kerstin Engelhardt, Cornelia Siebeck, Christa Schikorra, Oliver von Wrochem
Moderation: Anke John

Mittagsimbiss

13.00 – 15.30

FAZIT UND AUSBLICK

Moderation: Franziska Augstein und Sybille Steinbacher

Statements der Konferenzbeobachterinnen und -beobachter
Historisches Begreifen und politisch-ethische Orientierung in der Gedenkstättenarbeit des 21. Jahrhunderts. Voraussetzungen, Strukturen, Konzeptualisierungen.

  1. Jörn Rüsen
    Theoretische Grundlagen.
  2. Béatrice Ziegler
    Didaktische Herausforderungen und Konzepte.
  3. Thomas Krüger
    Politische Rahmenbedingungen und strukturelle Erfordernisse.
  4. Hans-Joachim Veen
    Impulse für die Aufarbeitung des DDR-Unrechts.
  5. Irina Scherbakowa
    Der Blick von Außen.

Diskussion

Anmeldung zur Konferenz

Leider ist eine Anmeldung zur Konferenz nicht mehr möglich. Wegen des großen Interesses sind weit mehr Anmeldungen eingegangen, als aus organisatorischen Gründen berücksichtigt werden können. Das bedauern wir sehr, auch wenn wir uns über die Resonanz sehr freuen. Mitte August erfolgt die Benachrichtigung über die Teilnahme. Wir bitten um ihr Verständnis und danken Ihnen für Ihr Interesse.

Veranstaltungsort

Humboldt Carré
Konferenz- und Eventzentrum am Gendarmenmarkt
Behrenstraße 42
10117 Berlin

Impressum

Konferenzleitung und Konzept:
Prof. Dr. Volkhard Knigge
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Thomas Krüger
Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung

Wissenschaftliche Beratung:
Axel Doßmann, Norbert Frei, Ulrich Herbert, Cilly Kugelmann, Astrid Messerschmidt, Günter Morsch, Lutz Niethammer, Martin Sabrow, Thomas Sandkühler, Irina Scherbakowa

Konferenzbüro und Kontakt:
Ulrike Löffler
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Lehrstuhl für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit
Historisches Institut
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Fürstengraben 13
07743 Jena
ulrike.loeffler@uni-jena.de

Hanna Huhtasaari
Bundeszentrale für politische Bildung
Fachbereich Print/ FBD
Erinnerungskultur und Gedenkstätten
Adenauerallee 86
53113 Bonn
hanna.huhtasaari@bpb.bund.de
Tel +49 (0) 228 99 515-226
Fax +49 (0) 228 99 515-309

Die Konferenz wird gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Bundeszentrale für politische Bildung

Betreiber und Kontakt, gem. § 5 TMG
Prof. Dr. Volkhard Knigge
Lehrstuhl für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit
Historisches Institut
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Fürstengraben 13
07743 Jena

Sekretariat: Anna Schröder
Tel +49 (0) 3641 944 400
Fax +49 (0) 3641 944 402
anna.schroeder@uni-jena.de

Gestaltung und Realisation Website:
werkraum.media, Weimar

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